Klang und Ton

von Bernd Timmermanns

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Mannigfaltige Materialien finden Verwendung bei der Herstellung von Lautsprechergehäusen: Der Werkstoff Holz ist den KLANG & TON - Lesern sicherlich ein Begriff, und von Lautsprechern aus Pappe, Acrylglas, Kunststoff, Beton, Marmor und Schiefer werden die meisten schon gehört haben. Ein Werkstoff, der dem Designer weitgehende Freiheiten beim Entwurf der Gehäuseform läßt, ist Ton.

Diesen kann man nicht nur, wie ich schon vor meinem Besuch im Keramikatelier der Dortmunder Firma Ecotherm wußte, in Formen gießen, er läßt sich auch frei aufbauen.

Diese Technik kommt bei Ecotherm zur Anwendung. Hauptsächlich werden dort Kachelöfen hergestellt, hochinteressante Einzelstücke, die auf Bestellung entworfen und angefertigt werden.

Eine zweite Produktrichtung sind die Lautsprecher, die dort in der gleichen Technik entstehen: Tonplatten, die mit einem überdimensionalen "Käseschneider" in zwei Zentimetern Stärke von einem tonnenschweren Block abgeschnitten werden, trocknen so lange, bis sie eine lederharte Konsistenz erreichen. In diesem Zustand sind sie noch so weich, daß sie sich bearbeiten lassen. weisen aber andererseits die Festigkeit auf, die erforderlich ist, damit die aufgebauten Gehäuse nicht in sich zusammensacken.

Aus den lederharten Tonplatten werden unter Zuhilfenahme von Schablonen die erforderlichen Formen ausgeschnitten. Vor dem Zusammenbau der Gehäuse werden einige Zentimeter hohe Stege auf die späteren Boxenwände aufgebracht, die für zusätzliche Stabilität sorgen.

Alle Teile werden mit "Schlicker", mit Wasser angerührtem Ton. aneinandergekittet. Nach dem endgültigen Trocknen der Lautsprechergehäuse findet der erste, der sogenannte Schrühbrand statt. Nach diesem Arbeitsgang haben die Lautsprechergehäuse ihre endgültige Festigkeit erreicht. Falls eine Glasur vorgesehen ist, wird diese mit einem Pinsel, mit der Rolle oder im Spritzverfahren aufgebracht und das Gehäuse dann ein zweites Mal gebrannt.

Die unangenehmste Eigenschaft des Tons ist seine,Angewohnheit, durch den Trocknungsprozeß und das anschließende Brennen zu schrumpfen. Die Öffnungen für die später einzusetzenden Lautsprecherchassis müssen daher bei der Fertigung entsprechend größer ausgeschnitten werden. Gleiches gilt für die Löcher, in die die Dübel zur Befestigung der Lautsprecherchassis eingepreßt werden.

Die Keramikgehäuse bieten nicht nur den Vorteil freier Modellierbarkeit und damit die Möglichkeit, Formen aus einem praktisch unbegrenzten Figurenkatalog auszuwählen, auch akustische Gründe sprechen für die Keramikgehäuse: Die Wandungen sind extrem hart und steif, noch verstärkt durch die inwandig angebrachten Stege, neigen aber im Gegensatz z.B. zu Marmorgehäusen nicht zu glockenartigem Schwingen. da die poröse Struktur des Tons eine recht hohe innere Dämpfung zur Folge hat.

Bei Ecotherm werden Keramikgehäuse für gängige Lautsprecherbausätze von Mivoc, I.T. und anderen Anbietern hergestellt, aber auch eine im eigenen Hause entstandene Konstruktion findet sich im Lieferprogramm. Es handelt sich um die aus dem KLANG & TON Spezial 3 schon bekannte BR 063 s.

Das Gehäuse der BR 063 s hat eine Form, die man nur als untypisch für einen Lautsprecher bezeichnen kann. Es weist gegenüber kistenförmigen Holzkonstruktionen jedoch einige gravierende Vorteile auf: parallele Wände werden weitgehend vermieden, nur Front und Rückseite des Gehäuses machen in dieser Beziehung eine Ausnahme. Als Folge dieser Eigenschaft treten stehende Wellen in stark vermindertem Umfang auf - ganz verhindern kann man sie ohnehin durch keine Gehäuseform. Selbst ein kugelförmiges Volumen ist nicht frei von Eigenschwingungen.

Ein anderer nicht zu unterschätzender Vorteil der Gehäuseform liegt in der im Bereich aller Chassis optimal schmalen Schallwand. Frühe Reflexionen der von den Chassis parallel zur Frontwand abgestrahlten Schallanteile werden so auf ein nicht vermeidbares Minimum reduziert.

Eine Verringerung  störender lnterferenzerscheinungen mit der damit verbundenen Präzisierung der Ortbarkeit von Stimmen und Instrumenten ist die Folge. Ebenfalls verringert werden Kantenreflexionen, da die Kanten der Keramikgehäuse stark verrundet sind. Im Hochtonbereich, wo die Schallwellenlänge in der Größenordnung des Verrundungsradius liegt, wird der Schall um die Kanten herum gebeugt, das Rundstrahlverhalten des Lautsprechers also verbessert.

Leider werden diese Vorteile durch ein anderes Konstruktionsdetail teilweise wieder zunichte gemacht: Technologiebedingt sind die Lautsprecher nicht in die Schallwand eingelassen. Den Tiefmitteltönern gereicht das nicht zum Nachteil, aber im Hochtonbereich ist ein Einbruch mit einer Mittenfrequenz von 8 kHz auszumachen, der durch Interferenz des von der Kalotte abgestrahlten Direktschalls mit an der Kante des Hochtöners gebrochenem Schall zustandekommt.

Da das Lautsprechergehäuse zum Boden hin spitz zuläuft, gehört ein Stahlrohrstativ zum Lieferumfanag, das für einen stabilen Stand des Lautsprechers sorgt. Die Gefahr des Abrutschens besteht nicht, da unter dem Gehäuse zwei Körnungen die Spitzen des Stativs aufnehmen. Perfektionisten empfehle ich, auf der Unterseite des Stativs drei Bohrungen anzubringen, dort hinein M 5 Gewinde zu schneiden und Spikes hineinzuschrauben. Nach meinen Erfahrungen wird der Klang durch diese Maßnahme deutlich straffer, präziser und klarer durchgezeichnet.

Drei Lautsprecherchassis stecken in der BR 063 s, zwei 11 cm -Tiefmitteltöner und ein Hochtöner mit 19 mm Supronylkalotte.

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Gefertigt werden sie bei Seas in Norwegen. Die Tiefmifteltöner sind mit Druckgußkorb und beschichteter Papiermembran ausgestattet. die ihnen  zu einem ausgeglichenen Frequenzgang  bis in den Hochtonbereich hinein verhilft. Der Hochtöner verfügt über eine glasfaserarmierte Frontplatte mit zusätzlicher Schaumstoffbeschichtung. Seine Schwingspule badet in Ferrofluid. Dies dämpft die Güte seiner Grundresonanz bei 1700 Hz und erhöht die thermische Belastbarkeit.

Die Frequenzweiche ist durchgänag  als Filter zweiter Ordnung ausgelegt. Der untere Tiefmitteltöner wird schon früh abgekoppelt, während der obere auch für die Wiedergabe des Mitteltonbereichs zuständig ist. Das R-C-Glied, das parallel zu seinen Anschlußklemmen liegt, sollte nicht als Impedanzeqalizer aufgefaßt werden. Dazu hat der Widerstand einen zu kleinen Wert. Vielmehr bewirkt der  Widerstand eine leichte Verrundung der Filterflanke.

Meßergebnisse

Der Amplitudenfrequenzgang des Schalldrucks sieht oberhalb von 700 Hz mustergültig aus. In der von uns gewählten Meßentfernung von 1 m ergibt sich auf Hochtonachse ein optimal ausgeglichener Verlauf. Als einziges fällt der schon oben erwähnte Einbruch bei     8 kHz auf, der durch Kantenreflexionen am Hochtöner zustandekommt. Der Frequenz 8,5 kHz entspricht eine Wellenlänge von 4 cm. Das ist ziemlich exakt der Abstand vom Rand der Kalotte bis zur Kante der Hochtönerfront.

Um 500 Hz ist eine Überhöhung von ca. 3 dB zu erkennen. Der Impedanzverlauf verrät. daß die Baßreflexöffnung auf 60 Hz abgestimmt ist, und daß die BR 063 s mit einem Impedanzminimum von 3 Ohm eine Nennimpedanz von 4 Ohm hat.

Klangbeschreibung

Die BR 063 s klingt ausgesprochen ausgewogen, homogen und unspektakulär. Keine Ecken oder Kanten des akustischen Gesamteindrucks trüben das Bild. Erst bei intensivem Hineinhören sind wenige leichte Kritikpunkte zu vermerken. Einer dieser Kritikpunkte ist eine leichte Überbetonung im unteren Mitteltonbereich. Bei der Wiedergabe von Instrumenten ist das nicht bemerkbar, wohl aber bei menschlichen Stimmen, die man schon über viele Lautsprecher gehört hat und genau weiß, wie sie zu klingen haben. Ansonsten ist der Mitteltonbereich fehlerfrei, insbesondere ist er sehr detailreich und gut durchgezeichnet. Das gleiche gilt für den Tieftonbereich, der - was will man anders erwarten`? - natürlich nicht sehr tief, aber immer sauber ist und dabei ehrlich bleibt und nicht. wie man es bei manchen kleinen Lautsprechern erlebt, durch künstliche Fülle mangelnden Tiefgang   vortäuscht.

Der Hochtonbereich ist genau richtig dosiert: Gerade soviel, daß er noch hinreichend Spritzigkeit versprüht, ohne auf Dauer zu nerven. Allerdings steht es mit dem Auflösungsvermögen nicht zum besten. In dieser Beziehung hat man schon besseres, allerdinas auch viel schlechteres gehört. Konkret bedeutet das, daß obertonreiches Musikmaterial, speziell aus dem Klassikbereich kommendes, feinste Details vermissen läßt. Die Anblasgeräusche, die bei der großen Sonate für Flöte und Gitarre von Mauro Giuliani auf "Pasticcio" vorhanden sind, gehen über die BR 063 s ein wenig  unter. Andererseits macht Streichorchester durch eine wunderbare Seidigkeit auf sich aufmerksam.

Die Räumlichkeit der Ecotherm - Box liegt auf hohem Niveau. Zwar wird die extreme Luftigkeit und Weiträumigkeit einer Eton Veloce 310 nicht erreicht, aber die auf einer Musikaufnahme konservierte Raumaufteilung  ist erfahrbar, sowohl in der Breite als auch  in derTiefe. Die Instrumente schwimmen nicht ineinander, die räumliche Trennung bleibt immer erhalten.

Fazit

Die Ecotherm BR 063 s ist äußerlich ein ausgefallenerLautsprecher, der sicherlich nicht mit jeder Wohnungseinrichtung harmoniert. Wer sich mit dem Design anfreunden kann, sollte zugreifen, denn klanglich liegt dieser Lautsprecher auf erfreulich hohem Niveau. Vor allem Klassikliebhaber werden seine Ausgeglichenheit und Homogenität zu schätzen wissen.

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